Wir müssen mehr Wert auf das „S“ in ESG legen

Die Krise der Lebenshaltungskosten ist im Wesentlichen eine Krise sinkender Realeinkommen. Die Preise steigen schneller als die Löhne. Vor allem die Preise für lebenswichtige Güter – insbesondere Lebensmittel und Energie – sind schneller gestiegen als alles andere. Ein Aspekt dabei ist, dass ärmere Haushalte dazu neigen, einen größeren Teil ihres Einkommens für lebensnotwendige Güter auszugeben. Die steigenden Lebenshaltungskosten treffen somit die Ärmsten der Gesellschaft überproportional. Dies ist ein Symptom für wirtschaftliche Ungleichgewichte und hat erhebliche Auswirkungen auf die makroökonomischen Aussichten, die Politik und die Investitionen.

Die steigenden Energiepreise sind auf eine Kombination aus der Erholung der Nachfrage nach der Pandemie, sinkenden relativen Kapitalinvestitionen in die Förderung fossiler Brennstoffe und den Störungen, die durch den Ukraine-Krieg verursacht wurden, zurückzuführen. Dies hat zu höheren Preisen für Unternehmen und Haushalte geführt. Natürlich schlägt sich dies in einer höheren Gesamtinflation nieder, mit dem Risiko, dass andere Kosten in gleicher Weise reagieren – was bereits geschieht. Das Ergebnis ist ein weltweiter geldpolitischer Straffungszyklus, der viele Industrieländer in die Rezession treiben dürfte.

Somit ist die Krise der Lebenshaltungskosten in den konjunkturellen Aussichten der großen Volkswirtschaften enthalten. Höhere Inflation, höhere Zinsen, niedrigere Realeinkommen und schließlich eine sinkende Gesamtnachfrage und steigende Arbeitslosigkeit. Die Märkte haben schon seit einiger Zeit damit zu kämpfen, dass sie gleichzeitig eine höhere Inflation und ein geringeres Wachstum einpreisen müssen, was die Verflachung der Renditekurven am Anleihemarkt und die seit Jahresbeginn unterdurchschnittliche Wertentwicklung von Growth-Titeln am Aktienmarkt erklärt.

Gewinnmargen einiger Unternehmen unter Druck

Es geht bei der Krise der Lebenshaltungskosten aber um mehr als um Inflation und Zinsen. Die Kosten für alle Firmen steigen und dies wird Druck auf die Gewinnmargen ausüben. Insbesondere in sehr wettbewerbsintensiven Sektoren und in den Branchen, die für geringere Konsumausgaben am anfälligsten sind. Auf Basis der Finanzdaten von Bloomberg stieg die durchschnittliche Gewinnmarge der Unternehmen im Energiesektor des S&P 500 von minus 0,2 Prozent im zweiten Quartal 2021 auf geschätzte 11,3 Prozent im zweiten Quartal 2022. Im Bereich zyklische Konsumgüter ist die durchschnittliche Marge von 7,1 auf 6,7 Prozent gesunken. Wir sollten nicht vergessen, dass die allgemeineren Auswirkungen der Pandemie auf die Lieferketten auch zu einer höheren Inflation und höheren Kosten für Rohstoffe, Zwischenprodukte und den Faktor Arbeit beigetragen haben. Eine höhere Inflation und eine geringere reale Nachfrage sind nach wie vor die Hauptsorgen bei der Beurteilung von Aktien. Wenn die Inflation bald ihren Höhepunkt erreicht, können sich die Märkte wahrscheinlich über den im Juni erreichten Tiefstständen halten. Wichtig aber ist, was in den kommenden zwei bis drei Monaten mit der Inflation geschieht.

Soziale und politische Auswirkungen

Abgesehen vom finanziellen Aspekt, der eine Umverteilung der Profitabilität von den Energieverbrauchern zu den Erzeugern mit sich bringt, gibt es auch politische und soziale Überlegungen. Die Einkommensungleichheit wird durch einen starken Anstieg der Lebenshaltungskosten verschärft und das hat politische Folgen. In Großbritannien hat die Zahl der durch Streiks verlorenen Arbeitstage stark zugenommen, da die Arbeitnehmer höhere Löhne fordern. Drastischer war es in Sri Lanka: Dort wurde die Regierung durch Proteste der Bevölkerung gegen die gestiegenen Lebensmittel- und Energiepreise gestürzt. Da die Regierungen den Volkszorn erkennen, besteht die Gefahr von politischen Fehlern – wie etwa die Versprechungen umfangreicher Steuersenkungen. Es besteht die Gefahr von Unruhen in Europa in diesem Winter, wenn noch höhere Energiepreise den Geldbeutel belasten.

Wie soll man mit dem Energiesektor umgehen?

Die Krise verschärft die ideologischen Gräben. Nirgendwo wird das deutlicher als bei den Diskussionen über den Energiesektor. Selbst die eingefleischtesten Kapitalisten müssen ein gewisses Unbehagen empfinden, wenn Ölunternehmen riesige Gewinne, beträchtliche Managergehälter und höhere Ausschüttungen an die Aktionäre melden, während immer mehr Haushalte Gefahr laufen, in Armut zu geraten. Der Gewinnanstieg im Öl- und Gassektor ist fast ausschließlich auf den Anstieg der weltweiten Ölpreise zurückzuführen, der zu unerwarteten Gewinnen geführt hat, die niemals durch eine verbesserte betriebliche Effizienz hätten erzielt werden können. Natürlich bringen diese Gewinne den Regierungen mehr Steuereinnahmen, aber die effektiven Steuersätze könnten noch höher sein. Es gibt eine politische Debatte darüber, ob diese Unternehmen stärker besteuert werden sollen, um die Energiekosten für die Endkunden zu subventionieren oder mehr Vergünstigungen zu gewähren oder um Investitionen in Erneuerbare Energien zu erhöhen.

All dies erhöht die Notwendigkeit, die Energiewende zu beschleunigen. Es ist klar suboptimal, wenn sich so viel Macht in den Händen von relativ wenigen Unternehmen und Ländern konzentriert, die zufällig die Förderung und Verteilung fossiler Brennstoffe kontrollieren. Wäre Russland in der Lage, seine militärischen Operationen in der Ukraine aufrechtzuerhalten, wenn es nicht weiterhin Einnahmen aus Öl und Gas erzielen würde? Es bleibt ein Wunschtraum, aber ein dezentralisiertes, erneuerbares globales Energiesystem wäre zweifellos besser für Unternehmen, Haushalte, die Umwelt, die Sicherheit und den Planeten.

Zinserhöhungen verschärfen die Krise für einige

Auch steigende Zinsen sind keine Hilfe. Das relativ aggressive Vorziehen von Zinserhöhungen durch die Federal Reserve (Fed) und die Bank of England (BoE) wird die Zinskosten für Haushalte und Unternehmen erhöhen. Auch hier dürften weniger wohlhabende Menschen am meisten unter den höheren Zinsen leiden. Einziger Silberstreif am Horizont: Zumindest in den USA und in Großbritannien sind wir dem Ende des Zinszyklus näher als dem Beginn.

Keine große Erleichterung

Die Krise der Lebenshaltungskosten wird nicht schnell gelöst werden. Die weltweit gesunkenen Rohstoffpreise bringen zwar eine gewisse Erleichterung, aber die Versorgung mit Gütern wie Düngemitteln und Weizen bereitet weiter Sorge. Die Nominallöhne steigen, werden aber noch eine Weile hinter den Preissteigerungen zurückbleiben. Legt man die durchschnittlichen Wochenverdienste in den USA und den Kernverbraucherpreisindex zugrunde, so sind die Reallöhne seit ihrem Höchststand im vergangenen September um etwa 1,5 Prozent gesunken – und dies ist ein Durchschnittswert, so dass der Rückgang in den unteren Einkommensgruppen noch deutlicher ausfallen wird. Nimmt man die Gesamtinflation, ist es noch schlimmer: Die Reallöhne sind im Vergleich zum Mai 2020 um gewaltige 5,5 Prozent zurückgegangen. Die Politik rund um die Krise der Lebenshaltungskosten wird also angespannt bleiben.

Verantwortungsvolles Investieren in Zeiten einer Krise

Viele der Themen, die zur Krise der Lebenshaltungskosten beitragen, sind für Anleger relevant. Da wir uns mehr und mehr bemühen, in nachhaltige Unternehmen zu investieren, sollten alle ESG-Aspekte berücksichtigt werden. Durch das soziale Prisma müssen wir uns ansehen, wie Unternehmen ihre Notwendigkeit, Margen und Ertragswachstum zu schützen, mit ihrer umfassenderen sozialen Verantwortung in Einklang bringen und ob ihre Geschäftsmodelle gefährdet sind oder nicht. Die Preispolitik in sensiblen Sektoren wie dem Lebensmitteleinzelhandel, den Versorgern und Energie sollte auf den Prüfstand gestellt werden. Die Vergütungspolitik für Führungskräfte und Mitarbeiter muss dem allgemeinen Druck, dem die Menschen ausgesetzt sind, Rechnung tragen. Die Risiken einer Governance-Gegenreaktion, einer Verwässerung der Marke oder eines Verlusts von Marktanteilen müssen danach beurteilt werden, ob die Unternehmen Anzeichen von „Gier“ im Vergleich zu einem nachhaltigeren langfristigen Ansatz zeigen. Durch das Aufbrechen oligopolistischer Märkte mittels staatlicher Politik, aber auch durch die Einflussnahme von Investoren auf die langfristigen Kapitalkosten lassen sich wirtschaftliche Vorteile realisieren.

Impact-Strategien, die sich auf soziale Ergebnisse konzentrieren, verbreiteten sich immer mehr. Mehrere der Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen sind relevant, um in Unternehmen zu investieren, die dazu beitragen, Hunger zu verringern, billige und saubere Energie bereitzustellen und die Gesundheitsversorgung erschwinglicher und zugänglicher zu machen. Außerdem muss in eine Energie- und Nahrungsmittelproduktion investiert werden, die nachhaltiger ist, die nicht zur Abholzung und Bodenerosion führt und die Anfälligkeiten der Lieferketten, die in den vergangenen Jahren aufgezeigt wurden, vermeiden kann.

Unser Autor Chris Iggo ist CIO Core Investments bei AXA Investment Managers in London. Der Asset Manager AXA IM ist Teil des AXA-Konzern und verwaltet mit über 2.400 Mitarbeitern ein Vermögen in Höhe von 864 Milliarden Euro, davon 563 Milliarden Euro mit ESG-Integration.
www.axa-im.com

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