EU-Kapitalmarkt-Regulierung – Wird dieser Wahnsinn irgendwann aufhören?

Überregulierung und Digitalisierung – das sind die Schlüsselworte, die den Kapitalmarkt, Anbieter und Vertriebe gleichermaßen im Jahr 2024 umtreiben. Immer mehr Vorschriften, immer mehr Bürokratie „made in Brüssel“. Gleichzeitig revolutioniert die zunehmende Digitalisierung bei Finanzprodukten den Finanzvertrieb – Konkurrenz und Chance für die Finanzberatung gleichzeitig. Wie sich Finanzdienstleister bei diesen massiven Herausforderungen positionieren und wie sie die Zukunft des Finanzvertriebes sehen, präsentiert EXXECNEWS in dieser und den kommenden Ausgaben.

Die Europäische Kommission beschäftigt rund 32.000 Personen. Diese arbeiten daran, die Lebensbedingungen in den 27 Mitgliedstaaten der Europäischen Union anzugleichen – unter anderem im Interesse des Klimaschutzes oder des Verbraucherschutzes. Und das bis ins Kleinste: So müssen die Verschlusskappen bei PET-Einwegflaschen fest mit den Flaschen verbunden sein, um eine bessere Plastikmüll-Entsorgung zu gewährleisten. Was ganz wichtig ist!

Geschaffen wurde ein komplexes System von Rechtsvorschriften, das nicht nur aus sogenannten Level-1-Regeln wie Richtlinien und Verordnungen besteht, sondern noch ergänzt wird durch Level-2- und Level-3-Vorschriften, die detaillierte inhaltliche und technische Ausführungsbestimmungen enthalten. Eine riesige Bürde, die Finanzdienstleister – einerlei, ob große Organisationen oder Einzelkämpfer – stemmen müssen. Finanzdienstleister haben keine Traktoren, mit denen sie gegen den Regulierungswahn der EU-Kommission protestieren könnten.

Regulierungs-Monster „Green Deal“

Ein Beispiel ist der europäische „Green Deal“, mit dem die Wirtschaft hin zu einem umweltbewussten System entwickelt werden soll: Um privaten Kapitalanlegern zu ermöglichen, ihre Investments nach sozialen und ökologischen Kriterien auszurichten, hat die EU-Kommission die Offenlegungsverordnung und die Taxonomieverordnung plus technische Vorschriften erlassen und die Finanzdienstleister verpflichtet, die Nachhaltigkeitspräferenzen ihrer Kunden abzufragen. Nur: Eine Umfrage des AfW Bundesverbandes Finanzdienstleistung, Berlin, bei Vermittlern ergab, dass das Thema 62 Prozent der Anleger egal ist und 16 Prozent es sogar ablehne, über Nachhaltigkeitspräferenzen überhaupt zu sprechen.

„Ein Finanzdienstleister muss bei seiner Tätigkeit mittlerweile so viele regulatorische Aspekte, Auflagen, EU-Richtlinien, Prüfverfahren und Dokumentationspflichten berücksichtigen, dass dies letztlich zu Zeitverlusten in der Kundenberatung und zu Kostennachteilen führt“, kritisiert Dr. Frank Ulbricht, Vorstand der BCA AG und Vorstandsvorsitzender BfV Bank für Vermögen AG, Oberursel: „Zudem sind die überbordenden administrativen Prozesse oft ineffizient und unnötig kompliziert. Wird dieser Wahnsinn irgendwann aufhören?“ Seinen Geschäftspartnern stellt er alles an technischer und fachlicher Unterstützung zur Verfügung, damit die Finanzdienstleister dennoch effizient und erfolgreich arbeiten können.

Ähnlich sieht es auch Dr. Sebastian Grabmaier, Vorstandsvorsitzender der Jung, DMS & Cie. AG, München: „Als Einzelkämpfer hat man es sicherlich immer schwerer, alle regulatorischen Anforderungen zu erfüllen, ohne die eigene Beratungsleistung und Kundennähe einzuschränken. Insofern ist der Anschluss an einen Pool ein probates Mittel, um die wachsende Regulierungsflut zu bewältigen.“

„Die ständig wachsenden Ansprüche hinsichtlich der Regulatorik sind für freie Vertriebe eine enorme Herausforderung, die nur mit Spezialisierung zu bewältigen ist. Darüber hinaus müssen die Produktanbieter Unterstützung leisten, sowohl im Hinblick auf die Thematik als auch die Abwicklung“, sagt Jörg Busboom, geschäftsführender Gesellschafter der Ökorenta Invest GmbH, Aurich.

„Über einen Mangel an regulatorischen Maßnahmen kann man sich nicht beklagen. Grundsätzlich kann niemand gegen eine sinnvolle Regulierung sein, wenn sie dem Schutz des Verbrauchers wirklich dient“, meint Bernhard Stern, Geschäftsführer der Stern Capital GmbH, Villingen-Schwenningen. Aber: „Es geht um die Sinnhaftigkeit regulatorischer Maßnahmen. Wenn Regulierung dem Verbraucher nützt, ist sie sinnvoll. Wenn diese nicht nützt, sondern verwirrt und dennoch vertrieblich umgesetzt werden muss, fehlt das Verständnis und dann fällt auch Schritthalten schwer.“

Freie Vertriebe könnten nur sehr schwer mit der beständig wachsenden Finanzmarktregulierung Schritt halten, urteilt Jörg Kintzel, Vorstandsvorsitzender der Valuniq AG, Hilpoltstein: „Ich sehe das mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Auf der einen Seite ist es gut, dass der Markt einer Regulierung unterliegt. So müssen sich Berater wirklich um das Geld der Mandate kümmern, um entsprechend aktiv zu beraten. Auf der anderen Seite gibt es viele bürokratische Hürden, die das Geschäft behindern. Das hält die Vermittler letztlich von dem ab, was sie tun sollen: den Mandanten gut beraten. Bürokratie bewirkt also häufig genau das Gegenteil von dem, was erreicht werden soll.“

Regulierungs-Monster „Kleinanlegerstrategie“

Mit der „Retail Investment Strategy“, im Deutschen als Kleinanlegerstrategie bezeichnet, will die federführende EU-Finanzkommissarin Mairead McGuinness die Kapitalmärkte für Privatanleger attraktiver machen. Europäer würden fleißig sparen, aber wenig investieren, meint sie. Womit sie recht hat, was auch eine kürzlich veröffentlichte Erhebung der Commerzbank bestätigt: Gerade 19 Prozent der befragten Sparer legen in Wertpapieren an. Tagesgeld und Sparbuch sind nach wie vor die Anlagefavoriten. McGuinness zieht auch den internationalen Vergleich: Während europäische Privathaushalte nur zu 17 Prozent in Wertpapiere investiert, sind es in den USA 43 Prozent.

Ob der eingeschlagene Weg aber der richtige ist, dass wird zumindest von der deutschen Finanzdienstleistung bezweifelt: So würde unter anderem das Informationsblatt, das Finanzkunden vor Vertragsabschluss zwingend auszuhändigen ist, noch komplizierter werden. Anlageberater müssen ein breites Spektrum an Produkten – darunter auch verbindlich ein deutlich kostengünstigeres – anbieten. Die europäische Wertpapieraufsicht ESMA European Securities and Markets Authority und die europäische Versicherungsaufsicht EIOPA European Insurance and Occupational Pensions Authority sollen „benchmarks“, Kennziffern, entwickeln, die ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis definieren sollen.

„Mit der Retail Investment Strategy hat sich die EU-Kommission bedauerlicherweise erneut auf einen bürokratischen Irrweg begeben“, meint Martin Klein, geschäftsführender Vorstand des Votum Verband Unabhängiger Finanzdienstleistungs-Unternehmen in Europa, Berlin, in einem Positionspapier zur Kleinanlegerstrategie: „Die beabsichtigten Maßnahmen sind weder geeignet das Ziel der größeren Beteiligung von Kleinanlegern am Kapitalmarkt zu fördern und deren finanzielle Bildung zu steigern, noch stärken sie die Wettbewerbsfähigkeit Europas auf den globalen Finanzmärkten. Dies kann nicht mit ausufernder Regulierungswut erreicht werden – im Gegenteil könnte die Kapitalmarktunion durch die Bürokratieflut seine Akzeptanz bei Bürgern und Unternehmen verlieren.“

Scharf auch seine Kritik an den neuen Beraterpflichten: „Die vorgesehene Verpflichtung der Berater, dem Interessenten nicht nur ein geeignetes Produkt, sondern ergänzend ein weiteres vermeintlich ebenfalls geeignetes kostengünstigeres Produkt mit einem abgesenkten Leistungsspektrum anzubieten, ist eine realitätsferne Illusion von Theoretikern ohne Praxisbezug. Sie führt in ihrer Umsetzung automatisch zu einer Verdoppelung der dem Kunden auszuhändigenden und zu erläuternden Produktinformationen.“

Klar ablehnend auch die Meinung von Norman Wirth, geschäftsführender Vorstand des AfW – Bundesverband Finanzdienstleistung, Berlin: „Bei Umsetzung des Kommissionsvorschlages würden die Kleinanleger und mit ihnen ein ganzer kundenorientierter und qualifizierter Berufsstand – die Versicherungsmaklerinnen und -makler geschädigt. Das muss verhindert werden!“

Die Kleinanlegerstrategie war auch kürzlich Gegenstand einer öffentlichen Anhörung des Finanzausschusses des Deutschen Bundestags. Grund war ein Antrag der CDU/CSU-Fraktion, der sich gegen ein Provisionsverbot wandte, das die Europäische Kommission derzeit plant. Augenblicklich sei der zwar vom Tisch, könnte aber aufgrund einer Überprüfungsklausel spätestens in drei Jahren erneut erwogen werden. „Einige der vorgesehenen Maßnahmen erhöhen die Komplexität der Regulierung, können höhere Kosten verursachen, die Beratungsmöglichkeiten und Produktvielfalt für den Kleinanleger einschränken und sich in Summe negativ auf die eigentlich avisierte höhere Verbraucherfreundlichkeit und stärkere Teilnahme am Marktgeschehen auswirken“, heißt es in dem Unions-Antrag. Und weiter: „Die Kommission lässt zudem die Möglichkeit leichtfertig verstreichen, die Attraktivität von Kapitalanlagen und Versicherungsprodukten durch Bürokratieabbau zu erhöhen. Stattdessen erschwert sie durch zusätzliche Berichts- und Dokumentationspflichten die Klarheit und Verständlichkeit für Kundinnen und Kunden.“

Kritik auch von Seiten des BVI Bundesverband Investment und Assetmanagement, Frankfurt, des Dachverbandes der deutschen Investmentfonds. „Inhaltlich weist der Vorschlag der Kommission erhebliche Schwächen auf. Er ist in weiten Teilen unverhältnismäßig und vielfach auch ungeeignet, die genannten Ziele zu erreichen. Teilweise wirkt er sogar kontraproduktiv, indem er die Kleinanleger von den Kapitalmärkten fernhält.“

„Das eigentliche – von uns ausdrücklich unterstützte – Ziel der Kleinanlegerstrategie ist die stärkere Beteiligung der Breite der europäischen Bevölkerung am Kapitalmarkt“, kommentiert Dr. Helge Lach, Vorsitzender des BDV Bundesverband Deutscher Vermögensberater, Frankfurt, des Interessenverbandes selbstständiger Vermögensberater. Aber: „Das hingegen richtige Anliegen, Bürokratie beim Abschluss abbauen zu wollen, wird wegen der Vielzahl neuer Regelungen in der Kleinanlegerstrategie nicht erreicht.“

Schreckt Regulierung vom Finanzdienstleister-Beruf ab?

Leicht macht diese Überregulierung des Finanzmarktes die Arbeit der Finanzdienstleister sicherlich nicht – trotz aller Unterstützung durch Produktanbieter und Verbänden. Staatliche Berufszulassungsbeschränkungen und gesetzlich vorgeschriebene Qualifikationen auch nicht. Fakt ist, dass der Berufsstand der Versicherungs- und Finanzanlagenvermittler ein Nachwuchsproblem hat. Das Durchschnittsalter liege bei 53,7 Jahren, ermittelte der AfW – Bundesverband Finanzdienstleistung: Nur 4,4 Prozent der Vermittler hätten ein Alter von 30 Jahren und jünger. Und 67,2 Prozent wären bereits 50 Jahre oder älter. Das Nachwuchsproblem stellt sich aber nicht nur beim freien Finanzvertrieb, auch der Bankensektor sucht Nachwuchs. In den nächsten zehn Jahren würden jährlich zwischen  8.000 und 10.000 neue Mitarbeiter notwendig werden, meint der DSGV, der Deutsche Sparkassen- und Giroverband. Und die Commerzbank meldet, dass bis 2034 wohl bis zu 20.000 neue Mitarbeiter gebraucht werden.

„Nachwuchskräfte in Zeiten starker demografischer Veränderungen und zunehmenden Regulierungsdrucks zu finden, erfordert neuartige Angebote im Recruiting“, meint Oliver Liebermann, Vertriebsvorstand bei der MLP Finanzberatung SE, Wiesloch: „Absolventinnen und Absolventen suchen heute verstärkt Sicherheit und Vorbereitungszeit – das gilt besonders für den Weg in die Selbstständigkeit. Mit unserem innovativen Trainee-Programm bieten wir im Wettbewerb um den Berater-Nachwuchs ein im Markt einzigartiges Modell: Als angestellte Beratertrainees können sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer vier Monate lang komplett auf ihre Beraterausbildung konzentrieren. Anschließend beginnt die eigentliche Beratertätigkeit als selbstständiger Handelsvertreter mit Kundengewinnung, -beratung und -betreuung und natürlich kontinuierlicher Weiterbildung.“

„Fehlender Nachwuchs ist wohl das größte Problem im Finanzdienstleistungsvertrieb“, sagt Bernhard Stern und verweist auf die Bevölkerungsentwicklung: Weniger junge Menschen, weniger Nachwuchs. „Aber in unserem Land wird Vertriebstätigkeit grundsätzlich wenig geschätzt“, so Stern weiter: „Gleichwohl ist eine Wirtschaft ohne Vertrieb nicht existenzfähig. In Zeiten allgemeinen Personalmangels fällt die Berufsentscheidung nicht in erster Linie auf den Beruf des Finanzberaters.“

Liegt es am Image des Finanzberaters? „Die Politik macht mit ihrer ständigen Diskussion über die Einkünfte von Finanzdienstleistern das Gegenteil dessen, was notwendig wäre“, beklagt sich Stern: „In Kreisen nicht weniger Politiker und angeblich verbraucherschützender Organisationen wird der Finanzdienstleister im Vertrieb sehr oft als rücksichtsloser und raffgieriger Marktteilnehmer angesehen.“

Diesem oft kolportierten Bild setzt der AfW – Bundesverband Finanzdienstleister konkrete Zahlen gegenüber: In einer Umfrage ermittelte er, dass über die Hälfte der befragten selbstständigen Vermittler nur auf einen Jahresgewinn von unter 50.000 Euro kommen. Nur 19 Prozent erreichen einen Gewinn von über 100.000 Euro. „Ein durchschnittlicher, noch zu versteuernder Gewinn von 80.000 Euro, der auch zur Risikovorsorge und zur Deckung der persönlichen Altersvorsorge verwendet werden muss, ist kein Grund für Neiddiskussionen, die seitens der Politik oder Verbraucherschützern häufig angestoßen werden“, meint Frank Rottenbacher, Vorstandsmitglied des AfW.

„Nein, es fehlt nicht an Nachwuchs“, sagt Valuniq-CEO Jörg Kintzel: „Ich glaube, das Gegenteil ist der Fall. Ich spüre sogar, dass junge Leute daran interessiert sind, sich wirtschaftlich weiterzuentwickeln. Und da bieten Finanzdienstleistungen sicherlich die richtigen Anreize.“ Auch Sebastian Grabmaier ist optimistisch: „Zwar ist die Maklerschaft in Deutschland im Durchschnitt in einem Alter von 50 plus und es gibt einen Fachkräftemangel im Finanz- und Versicherungsvertrieb. Der Berufszweig wird aber sicherlich nicht aussterben, denn die Menschen werden auch in Zukunft – trotz aller Digitalisierungserfolge – auf eine kompetente, persönliche Beratung Wert legen.“ Die zunehmende Digitalisierung im Finanzvertrieb, ihre Auswirkungen für Berater und Kunden, ihre Bewertung durch Produktanbieter und Vermittler wird in der kommenden EXXECNEWS-Ausgabe zu lesen sein. Und wie die Zukunft des Finanzvertriebs aussehen wird. (LJH)

Dr. Frank Ulbricht
Dr. Sebastian Grabmaier

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