Der Weg von Feri zu einer systematischen Nachhaltigkeit – die besondere Bedeutung der Finanzindustrie

Sustainable Finance entwickelt sich vor allem auch in der Verantwortung und Unternehmenskultur der relevanten Dienstleister in der Finanzindustrie. Feri ist als Dienstleister sowohl für private als auch für institutionelle Anleger in einer besonderen Rolle und hat sich der Transition des Handelns und Denkens – und somit der Unternehmenskultur – schon früh mit der Gründung eines eigenen SDG Office gestellt. Die Verantwortung für diese Unternehmenseinheit trägt Antje Biber. Mit ihr sprach Co-Herausgeber Hans-Jürgen Dannheisig. 

ENI: Was hat Sie persönlich veranlasst, sich so stark für das Thema einer nachhaltigen Finanzwirtschaft zu engagieren? 

Biber: Durch die langjährige Tätigkeit bei Feri mit internationalen Pensionskassen konnte ich insbesondere in den Niederlanden ein großes Bewusstsein der Verantwortung für Gesellschaft und auch Umweltthemen der Großinvestoren erfahren. ESG-Kriterien, aber auch Impact Investing sind dort bereits seit Jahren Teil der Investment-Strategie. Mich hat fasziniert, wie selbstverständlich in anderen Ländern das Thema Nachhaltigkeit bei institutionellen Anlegern schon seit Langem umgesetzt wird. 

Persönlich bin ich darüber hinaus seit über 20 Jahren passionierte Taucherin und musste erleben, wie schnell die Umweltzerstörung den überaus wichtigen Lebensraum der Korallenriffe vernichtet. Ich bin der Überzeugung, dass gerade die umweltbezogenen Herausforderungen unserer modernen Zeit, großer Anstrengungen bedürfen, die große Investitionen erfordern. Der Finanzindustrie kommt eine zentrale Rolle bei der Umsetzung der globalen Ziele einer nachhaltigen Wirtschaft zu. Wir müssen jetzt handeln. 

ENI: Feri ist ein etablierter Dienstleister mit einem umfassenden Leistungsportfolio. Wann hat sich das Unternehmen entschieden, sich dem Thema Nachhaltigkeit systematisch zu stellen und was ist Ihre Rolle dabei? 

Biber: Feri beschäftigt sich auf verschiedenen Ebenen seit längerem mit Fragen der Nachhaltigkeit, des Klimawandels und wirkungsorientierter Investments („Impact Investments“). Zu diesen Themen hat das Feri Cognitive Finance Institute – als interner „Think Tank“ – seit 2016 verschiedene Studien und Analysen mit renommierten Forschungspartnern erstellt und publiziert. Darüber hinaus managt Feri bereits seit Jahren Mandate mit Nachhaltigkeitskriterien für namhafte Stiftungen, Privatpersonen und Institutionen. 

Für Feri ist das Thema Nachhaltigkeit ein zentraler ökonomischer und soziokultureller Imperativ, der wichtige Fragestellungen, Entscheidungen und Verhaltensweisen unmittelbar tangiert. Daraus resultiert ein klares Bekenntnis zur gesellschaftlichen Verantwortung unserer Handlungen nach innen und außen. 2019 haben wir als unternehmensweites Kompetenz Zentrum zur Weiterentwicklung und Umsetzung aller relevanten Aktivitäten das SDG Office gegründet, das ich seither leite. 

ENI: Welchen Auftrag hat das SDG Office und wie wirkt es für die verschiedenen Kundengruppen in der Feri Gruppe? Wie ist das SDG Office in Entscheidungsprozesse im Hause eingebunden? 

Biber: Das SDG Office wurde bei Feri als zentrales Kompetenzzentrum und zur Steuerung der internen Umsetzung der Nachhaltigkeits-Policy errichtet. Es berichtet direkt an den Vorstand. Das SDG Office steuert die Implementierung der Nachhaltigkeits-Aktivitäten und Veränderungsprozesse speziell für alle investmentrelevanten Bereiche. Wir koordinieren alle zugehörigen Prozesse und Schnittstellen wie Research, Investment Management, Family Office, Privatkunden, institutionelle Anleger, Consulting und Reporting. 

Ferner liefert das SDG Office Impulse und Initiativen für eine nachhaltigkeitskonforme Weiterentwicklung bestehender Abläufe, Dienstleistungen und Investmentkonzepte. Wir stehen zudem für Kundengespräche, Schulungen und konzeptionelle Weiterentwicklung an der Seite aller unterschiedlichen Dienstleistungsbereiche. Ziel der Arbeit des SDG Office ist eine umfassende, ganzheitliche und systematische Einbettung von Nachhaltigkeitsaspekten, -risiken, und -strategien in allen Dienstleistungen der Feri Gruppe. 

ENI: Welche Herausforderungen mussten Sie auf dem eingeschlagenen Weg bereits bewältigen? 

Biber: Es gibt verschiedene Ebenen auf denen uns Herausforderungen begegnet sind. In der Entwicklung und Umsetzung im Investmentprozess sind es immer wieder die Daten: Datenqualität, Verfügbarkeit und auch Datentiefe sind nach wie vor in vielen Anlageklassen ein großes Thema. In der Public-Markets-Welt (Aktien, Anleihen etc.) gilt dies vor allem für die Dateninkonsistenzen und fehlenden Objektivierungsstandards der etablierten Daten- und Ratinganbieter. Im Bereich der Private Markets (Private Equity, Infrastuktur, etc.) ist die Datenlage noch weniger zufriedenstellend, da es noch kaum nachhaltigkeitsbezogenen Informationen gibt. Es etablieren sich zwar gerade Marktstandards und die Regulierung fördert die Transparenzbestrebungen, doch ist der Weg zu messbaren und vergleichbaren Daten in diesem Bereich noch sehr weit. 

ENI: Was betrachten Sie als Ihre größten Erfolge auf diesem Weg? 

Biber: Der größte Erfolg ist der sichtbare Wandel auf allen Ebenen und Bereichen unserer Unternehmensgruppe und auch in der Branche. Es ist sehr inspirierend strategische Workshops mit großen institutionellen Investoren zu veranstalten und zu beobachten, wie sich das Mindset ändert und große Anleger in ganz neue Richtungen denken. 

ENI: Welchen Einfluss hat staatliche Regulierung auf die Arbeit in dem laufenden Prozess der Transformation? 

Biber: Die staatliche Regulierung, insbesondere der EU-Aktionsplan wirkt als Beschleuniger, Katalysator und Booster der transformatorischen Entwicklung. Das Thema wird nun auch in den Compliance- und Risikoabteilungen besprochen und ist somit endgültig in der Wahrnehmung der Entscheider angekommen. 

ENI: Feri hat sich vor allem auch mit einem kompetenten Research und mit der Arbeit des Feri Cognitive Finance Institutes einen Namen gemacht. Welche Rolle spielen diese Geschäftsbereiche für die Ausrichtung des Unternehmens auf die SDGs als Unternehmen und in den erbrachten Dienstleistungen? 

Biber: Wie bereits erwähnt, bilden unser Research und auch die Erkenntnisse aus dem Feri Cognitive Finance Institute die grundlegende Basis unserer Nachhaltigkeitsstrategie. Die ökonomischen Erkenntnisse, die Zukunftsorientierung und gerade die Identifikation von Trends und Kipppunkten helfen uns, neue Risiken und Opportunitäten zu identifizieren und in unseren Dienstleistungen umzusetzen. 

ENI: Welche Ziele haben Sie sich im SDG Office für das laufende Jahr gesteckt und was sind die größten Herausforderungen in den nächsten Entwicklungsphasen? 

Biber: Der Weg ist das Ziel. Wir haben aktuell zehn Taskforces im Unternehmen eingerichtet, die alle in verschiedenen Bereichen Aufgaben und Projekte in Richtung der Nachhaltigkeitsstrategie umsetzen. Diese beziehen sich auf die Umsetzung der Regulierung, aber auch auf die Entwicklung eigener Konzepte und Lösungen, Methoden und Erkenntnisse. 

Eine große Herausforderung ist natürlich auch der Aufbau des Know-hows und der Anpassung bestehender Prozesse. Wir würden uns sehr freuen, insbesondere unsere Expertise im Bereich wirkungsbezogene Anlagen und SDG Mapping zusammen mit großen Investoren weiter ausbauen zu können. Wir haben hier das Ziel, Impact Investing mit institutionellen Maßstäben, in Auswahl, Reporting und Monitoring, umsetzbar zu machen.

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Antje Biber

Antje Biber ist Head of SDG Office der Feri Gruppe und Präsidentin des Verwaltungsrates der Feri (Schweiz) AG. Die 1987 gegründete Feri Gruppe mit Sitz in Bad Homburg ist in den Geschäftsfeldern Vermögensberatung und -verwaltung sowie Wirtschaftsforschung tätig. Seit 2006 gehört die Unternehmensgruppe zum MLP-Konzern. Derzeit betreut Feri zusammen mit MLP ein Vermögen von rund 48 Milliarden Euro.

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