„Das Un-Wort der Messe war abwarten“

Die EXPO REAL ist das Klassentreffen der deutschen Immobilien-branche. Für EXXECNEWS INSTITUTIONAL war Herausgeber Hans Jürgen Dannheisig vor Ort. Er fragte Entscheidungsträger von Allianz Real Estate, BPD Immobilienentwicklung, Catella, Commerz Real, der DWS, der GLS Bank und Universal Investment nach ihren Eindrücken.

Wie haben Sie die Stimmung auf der EXPO REAL empfunden – was haben Sie erwartet und was hat Sie überrascht?

Klaus Franken

Klaus Franken, Managing Partner Catella Project Management GmbH: Das erste „Klassentreffen“ nach der Pandemie erfolgte bei überraschend guter Stimmung. Die Rahmenbedingungen hätten mehr Wehklagen erwarten lassen. Und tatsächlich wurden bei Gesprächen abseits des Messetrubels die Verwerfungen deutlich. Für manche Marktteilnehmer wird es ein harter Winter.
Zwischen Gesundbetern und der typisch deutschen Panikmache war alles zu finden. Wobei die meisten bemüht waren, die eigene Stärke und Stabilität herauszustellen, die bei genauer Betrachtung allerdings nicht überall wirklich gegeben ist. Das Un-Wort der Messe war „abwarten“ – wobei doch gerade jetzt sich Chancen auftun und wir deshalb unsere Investments ausweiten. Warum so verzagt? Natürlich wird es Verlierer geben, aber das gehört zum Markt, der auf der anderen Seite jene belohnt, die nachhaltig wirtschaften.
Alexander Heinzmann, Geschäftsführer (Sprecher), BPD Immobilienentwicklung GmbH: Nach den Einschränkungen der Corona-Pandemie hat die Expo Real bewiesen, wie wichtig der persönliche Austausch für unsere Branche ist. Wir haben die Gelegenheit genutzt, um neue Perspektiven für die Stadtentwicklung zu diskutieren und Ergebnisse unserer Studie über neue Wohngebiete als Chance für gesündere Wohn- und Lebensräume vorzustellen – ein wichtiger Aspekt, der stärker Berücksichtigung finden sollte.

Annette Kröger

Annette Kröger, CEO Europe, Allianz Real Estate: The experience was good with fruitful exchanges among partners and industry peers who are all taking a very realistic view on the current market environment. I expected a busy week and it did not disappoint, even if it was a little calmer than 2019. But that also meant slightly longer discussions around 2022’s pressing topics: inflation, interest rates, energy crisis etc. which have all been an important part of this year’s conversations. As were the topics of great relevance such as the pathway to net-zero and how we can all influence and contribute to the improvement of those aspects on a broader basis.

Barkha Mehmedagic

Barkha Mehmedagic, Head of Institutional Sales and Treasury bei der Commerz Real: Die Stimmung war von den aktuellen Herausforderungen geprägt: Inflation, Energiemangel, Lieferengpässe, Klimakrise, Corona und Krieg in der Ukraine. Es war keine unbeschwerte Expo. Dennoch eine wichtige Plattform, sich auszutauschen und Geschäftspartnern und Kunden mit der bewährten Gelassenheit und Beständigkeit gegenüberzutreten.

André Meyer

André Meyer, Leiter Kompetenzcenter nachhaltige Immobilien der GLS Bank: Insgesamt habe ich einen positiven Eindruck. Das liegt sicher daran, dass langfristige Projekte 2022 trotz der gegebenen Rahmenbedingungen erfolgreich umgesetzt werden konnten. Mein Blick auf die Zukunft ist jedoch vorsichtig bis skeptisch. Das liegt vor allem daran, dass die aktuelle Lage mit viel Unsicherheiten besetzt ist: Die Baukosten sind weiterhin hoch, es gibt Materialknappheit und auch Fachpersonal wird zunehmend rar. Die steigenden Zinsen und die vermutlich anhaltende Inflation von knapp zehn Prozent führen dazu, dass alle neu kalkulieren müssen. Gleichzeitig kann es aber auch eine Chance sein, gerade in diesem Moment nachhaltige Lösungen – mit Blick auf die Umwelt und das Geschäftliche – zu finden.

Clemens Schäfer

Clemens Schäfer, Head of Real Estate APAC & EMEA, bei der DWS: Besser als erwartet. Die Herausforderungen, denen die Immobilienwirtschaft – wie ja auch die Volkswirtschaft insgesamt – aktuell ausgesetzt ist, belasten zwar die Erwartungen, werden von vielen Marktteilnehmern aber auch als Chance gesehen.

Axel Vespermann

Axel Vespermann, Head of Real Estate und Geschäftsführer von Universal Investment: Die Messe war in gewisser Hinsicht wichtiger denn je für unsere Branche. Die Herausforderungen sind zweifellos zahlreicher geworden, da sucht jeder umso mehr nach Impulsen und Orientierung bei Geschäftspartnern wie Wettbewerbern. Die Stimmung hat mich dabei dieses Jahr positiv überrascht. Man spürt die Freude, das ein weitgehend normaler zwischenmenschlicher Austausch nach den vergangenen Ausnahmejahren wieder möglich ist.

Impact/ESG /Nachhaltigkeit sind wichtige Themen des Jahres. Welchen Impact hat jetzt diese Messe für die Weiterentwicklung der Immobilienbranche im Thema Nachhaltigkeit gehabt?

Klaus Franken: Die Messe hat unterstrichen, dass ESG eine Grundvoraussetzung geworden ist. Wenn überhaupt Transaktionen für nennenswerte Investments über den Tisch gehen, dann sind es lupenreine ESG-Produkte. Wer jetzt erst das Thema ESG entdeckt, ist zu spät dran. Leider wird zu viel über EU-Taxonomie & Co gesprochen – als ob man ein Opfer der Regulierung wäre. Zu wenig wird herausgestellt, wie gut sich Nachhaltigkeit rechnet. Dabei sieht man jetzt offensichtlich, wie Nebenkostenexplosionen das Mietpotenzial und Immobilienwerte vernichtet. Wir realisieren die beiden größten Klimaschutzsiedlungen in NRW allein, weil es sich rechnet. Wo kein Gas und Öl eingesetzt wird, erhöhen geringe Nebenkosten das Miet- und Wertpotenzial.

Alexander Heinzmann

Alexander Heinzmann: Das Thema Nachhaltigkeit ist nicht mehr wegzudenken, die Bedeutung wird weiter zunehmen. Wir nehmen das Thema ernst und sehen uns hier in der Verantwortung einen Beitrag zu leisten. Dabei sollte über den ökologischen Aspekt hinaus über Zukunftsfähigkeit von Wohnquartieren nachgedacht werden – auch das ist für uns Nachhaltigkeit.

Annette Kröger: ESG is one of our top priorities, so we constantly seek to exchange best practices with our partners and industry peers on the topic and influence the transition where we can. In that sense Expo Real offers a great opportunity to ask questions of other members of the real estate community.

Barkha Mehmedagic: Die Klimakrise verlangt von uns allen entschlossenes und schnelles Handeln. Das Thema war auf der Messe vielerorts präsent und es ist spürbar, dass viele Marktteilnehmer motiviert sind, ihre Anstrengungen weiter zu intensivieren.

André Meyer: Ich stimme Ihnen zu, dass Nachhaltigkeit ein zentrales Thema der Expo Real 2022 war. Bei fast jedem Gespräch ging es darum, wie ESG und Nachhaltigkeit nun richtig umgesetzt werden können. Auch in den Vorträgen war es immer wieder Thema. Das freut mich natürlich ungemein. Gleichzeitig wurde deutlich: Die Zeichen stehen erst jetzt auf „Go green“. Dabei müsste es das neue „Normal“ sein. Es fehlt der Branche noch zum Teil an Lösungsansätzen und Umsetzungswille.

Clemens Schäfer: ESG und Impact-Investments waren neben Zinsentwicklung und der Wirtschaftslage zentral in den Gesprächen auf der Messe. Der Green Deal greift. Das Thema ist bei Projektentwicklern, Investmentmanagern und jetzt auch bei den Mietern voll angekommen.

Axel Vespermann: Es ist sehr ermutigend, dass die Schlüsselthemen Nachhaltigkeit und ESG keinesfalls vom Tisch fallen, trotz eingetrübter Makrolage – Stichwort Energiekrise, Inflation und Zinsanstieg. Das Messeprogramm und die Gespräche mit unseren Kunden haben klar unterstrichen, dass Impact und Co. keinesfalls Schönwetterthemen sind, sondern fundamental für uns als Branche. Auch unsere jüngste Investorenumfrage belegt in ihrer zehnten jährlichen Auflage, wie weit fortgeschritten mittlerweile die Implementierung konkreter ESG-Maßnahmen ist.

Was erwarten Sie als die wichtigsten Entwicklungen bis zur nächsten EXPO REAL?

Klaus Franken: Bis zur MIPIM wissen wir, ob der Winter ein Energiechaos ausgelöst hat oder ob derzeit zu viel Panik verbreitet wird. Bis zur nächsten Expo Real werden sich die Marktbedingungen – auf neuem Niveau – eingependelt haben und in 2023 dient die Expo Real wieder dem Jahresendgeschäft.
Es wird Insolvenzen geben – und dies ist eine gute Nachricht. Die längst überfällige Marktbereinigung erfolgt jetzt. Wer zu mutig und „kreativ“ unterwegs war und meinte mit minimalem Eigenkapital am Markt zu bestehen, wird eines Besseren belehrt. Dafür ergeben sich neue Chancen für nachhaltig wirtschaftende Marktteilnehmer und zur nächsten Expo Real werden wir starke Marktteilnehmer und stabile Deals sehen.

Alexander Heinzmann: Die nächste EXPO REAL wird uns zeigen, wie die gegenwärtigen wirtschaftlichen und geopolitischen Verwerfungen die Immobilienbranche nachhaltig verändern wird. Durch unsere Zugehörigkeit zur Rabobank haben wir unsere Projekte durchfinanziert, was uns eine erhöhte Planbarkeit verschafft. Für BPD bin ich zuversichtlich, dass wir als Wohnentwickler weiter die richtigen Lösungen und Produkte für eine nachhaltige Zukunft anbieten.

Annette Kröger: The most important will likely be the outcome of the economic environment we are currently navigating. And particularly for Europe it will be about the energy crisis. These are topics which have a tangible impact on our industry, so moving through this period of uncertainty will be the most important area of focus for everyone in the built environment.

Barkha Mehmedagic: Angesichts des Zinsanstiegs werden die Immobilienpreise sinken und wegen der vielen Unwägbarkeiten werden wir weniger Transaktionen sehen. Für Investoren kann das Opportunitäten bieten. Nachhaltiges Wirtschaften und aktives Portfoliomanagement sind gefragter denn je.

André Meyer: Ich hoffe, dass sich die Märkte in Bezug auf Neubauvorhaben stabilisieren. Aktuell beobachten wir im Kompetenzcenter Nachhaltige Immobilien bei der GLS Bank, dass Projekte für Wohnraum gestoppt werden. Dabei benötigen wir dringend nachhaltigen und bezahlbaren Wohnraum. Wir müssen dafür, auch regulatorisch, einen Schwerpunkt auf die CO2 Reduktion setzen. Hier sehen wir besondere Chancen im seriellen Holzbau in Verbindung mit dem Cradle to Cradle-Ansatz. Mit einer sinnvollen Kreislaufwirtschaft von Materialien und der Umnutzung und Sanierung von Bestandsimmobilien können wir einen wichtigen Schritt in Richtung zukunftsweisendes Bauen und Leben gehen. Eine neue Struktur der Förderlandschaft kann hier Impulse setzen.
Clemens Schäfer: Eine Beruhigung der Kapitalmärkte. Ich bin optimistisch, dass unsere Branche dann Themen wie Inflation, Zinsentwicklung und Energiekosten im Griff hat, die jetzt für Unruhe sorgen, und wir uns alle wieder auf unsere Kernaufgaben konzentrieren.

Axel Vespermann: Nach vielen Jahren, in denen der Markt nur eine Richtung kannte, ändert sich gerade viel. Der Zinsanstieg wird dafür Sorge tragen, dass wir uns als Branche auf eine Phase zubewegen, in der es wichtiger denn je sein wird, das eigene Handwerkzeug einzusetzen, Situationen und vor allem Cashflows zu analysieren, Risiken sauber einzuschätzen und mutige Entscheidungen zu treffen. Ich erwarte deswegen auch, dass sich dafür noch mehr Akteure auf ihre Kernkompetenzen konzentrieren und Themen im Back-Office oder der Fondsadministration gezielt auslagern werden.

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